Lin Olschowka
Copy of a Wall
Mit der Ausstellung Copy of a Wall zeigt der Kunstverein Friedrichshafen neue Arbeiten von Lin Olschowka, die sich mit zeitgenössischen Prozessen der Übertragung, der Wiederholung und der Transformation von Bildern beschäftigen. Wie entsteht ein Bild im Moment des Übergang, dort, wo ein Original zur Kopie wird? Im Vordergrund der Ausstellung stehen die fertige Arbeit und der Vorgang dieses Übergangs selbst, in dem sich Bedeutung verschiebt oder instabil wird. Die gemalten Bilder verweisen aufeinander und lassen offen, ob sie von einem Original ausgehen oder dieses erst im Prozess der Betrachtung entsteht.
Das Werden ist immer zwischen, immer im Übergang.¹
Vielleicht lässt sich ein Bild genau hier verorten. Nicht dort, wo etwas feststeht, sondern dort, wo es sich noch nicht entschieden hat. Zwischen einem Zustand und dem nächsten, zwischen dem, was sichtbar wird, und dem, was verborgen bleibt. In der Einzelausstellung Copy of a Wall von Lin Olschowka im Kunstverein Friedrichshafen entfalten sich die Arbeiten der Malerin in Zwischenräumen. Zwischen Bild und Objekt, zwischen sakraler Ikonografie und Alltagsästhetik sowie zwischen Realität und Repräsentation. Die Malerin interessiert dabei vor allem das Original, die Kopie und der Moment des Übergangs vom einen zum anderen: Wann entstehen Bilder? Und was verändert ihre Funktion in Momenten der Übertragung?
Die beiden nahezu identischen Selbstporträts vor den Kreidefelsen auf Rügen wirken auf den ersten Blick ruhig und vertraut. Eine Figur steht im Vordergrund der Landschaft, ihr Blick ist gesenkt, der Horizont offen. Die Szene erinnert an eine klassische Bildtradition der Kunstgeschichte, für die sakrale Naturerfahrung und romantisch-subjektive Empfindung zentral sind. Doch in Jailed First 1 und Jailed First 2 kippt diese Vertrautheit. Durch die Wiederholung unterläuft Olschowka den Anspruch des Einmaligen, das Selbstporträt verliert seine Stellung als singulärer Ausdruck und wird Teil einer vermeintlich seriellen Ordnung. Gleichzeitig dreht die Künstlerin die Figur von der kontemplativen Beobachtung des Meeres hin zur Betrachtung von etwas, das dem Betrachter außerhalb des Bildes verborgen bleibt. Die Aura des Originals erscheint somit nicht mehr als unveränderliche Eigenschaft, sondern als etwas Fragiles, das sich im Prozess der Reproduktion verändert.²
Doch anders als bei der klassischen Diagnose des Verlusts wird die Wiederholung hier als etwas Wirkungsvolles verstanden: Originalität entsteht nicht trotz, vielmehr erst durch die Kopie. Dies wird im Medium der Malerei besonders deutlich: Kein Bild gleicht dem anderen völlig, seine Bedeutung entsteht jedoch im Vergleich, im minimalen Unterschied und im Abstand, der sie trennt und zugleich verbindet. Ein Spiegel im Raum verstärkt diese Bewegung. Er ist kein passives Reflexionsmedium, er öffnet eine Wand und macht sie durchlässig. Realität und Repräsentation beginnen sich zu überlagern und der Ausstellungsraum selbst wird zu einer Schwelle. Durch diese Wiederholung und Überlagerung verliert das Bild außerdem seine Stabilität. Das Subjekt erscheint nicht als autonomer Ursprung, es wird Teil einer visuellen Zirkulation. Kunstgeschichte, Selbstbild und zeitgenössische Bildwelten verschränken sich, wie auch im Bild „die Gegenwart die Schwelle ist, wo Zukunft (Horizont) zur Vergangenheit wird“.³
Diese Logik setzt sich in den Arbeiten Mäuseloch 1, Mäuseloch 2 und Get-together fort. Das Mäuseloch verändert Maßstäbe und unterläuft Hierarchien und Ordnungen. Simone Martini neben Jerry, die Maus – Olschowka stellt die Schwelle zwischen göttlicher und irdischer Sphäre, teilweise nüchtern, dar, indem sie Zeiten, Stile und Subjektpositionen überlagert. Das, was als wirklich wahrgenommen wird, ist abhängig von Kontext, Maßstab und Blick. Auch in der Arbeit S 285/1 wird diese Haltung sichtbar. Die Leinwand übernimmt exakt die Maße eines real existierenden Tisches von Marcel Breuer. Im Ausstellungsraum steht zusätzlich der echte Tisch, nicht als Werk, sondern als realer Gegenstand. Objekt und Repräsentation begegnen sich hier erneut ohne klare Hierarchie.
In Copy of a Wall erscheint nichts als lineare Abfolge, obwohl die Ausstellung klar auftritt. Wiederholung, Verschiebung, Zitat und Übertragung sind bei Lin Olschowka Strategien der Öffnung. Vielleicht liegt genau hier die Haltung von ihrer Praxis: Nicht im Festschreiben und -halten, denn die Malerin entscheidet sich für das Durchlässig werden.
Lin Olschowka, *1995 in Münsterlingen (CH), ist Malerin und lebt und arbeitet in Karlsruhe (DE). Sie absolvierte ihr Masterstudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe (DE). Zu ihren jüngsten Ausstellungen zählen die Liste Art Fair Basel 2025 mit Windhager von Kaenel, Meyer Riegger, Karlsruhe (DE), das Rosgartenmuseum Konstanz (DE), Hamlet, Zürich (CH), sowie das Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen (CH).
¹ Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, aus dem Französischen von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Berlin: Merve Verlag, 1992.
² Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: ders., Gesammelte Schriften, Band I.2, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1974, S. 471–508.
³ Lin Olschowka über Jailed First 1 und 2, 08.01.2026.
Kuratorin und Text: Marlene A. Schenk













