Lisa Röing Baer

spark

Mit der Ausstellung spark zeigt der Kunstverein Friedrichshafen neue Arbeiten von Lisa Röing Baer: Sie untersucht, wie Systeme uns halten, selbst wenn wir ihre Brüchigkeit erkennen. Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Gefühl der Lähmung angesichts einer Welt im Wandel, in der das Bewusstsein für Krisen und das Fortsetzen vertrauter Gewohnheiten nebeneinander bestehen. Zwischen Bequemlichkeit, Betäubung und dem Versprechen von Zugehörigkeit entstehen Formen der Bindung an Systeme, die zugleich getragen und hinterfragt werden.

Akrasia² ist ein Begriff, der einen altbekannten Gemütszustand beschreibt: ein Handeln wider besseres Wissen, ein Weitermachen trotz Einsicht. Abhängigkeit wird für Lisa Röing Baer eine Grundbedingung dieser Ausstellung: Sie ist leise, kontinuierlich, oft kaum wahrnehmbar und gerade darin wirksam, zuweilen quälend. In spark macht Röing Baer diese Hörigkeit sichtbar: etwas, das weiterläuft, obwohl es erkannt ist, eine Bewegung, die sich nicht unterbrechen lässt, obwohl sie längst durchschaut ist.

Tankstellen sind zu Symbolen einer Gegenwart geworden, die sich nicht länger auslagern lässt. Sie tauchen auf Titelseiten von Zeitungen auf, sind Schnittstellen von Alltag und System. Ein kurzer Halt, der Griff zur Zapfpistole. In dieser Geste liegt eine gesellschaftliche Ordnung, die sich fortsetzt, beinahe unbemerkt. Die Zapfsäulen stehen wie Relikte im Raum. Es sind Modelle aus den Hoch-Zeiten der Petromoderne³, aus einer Zeit, in der Erdöl reuelosen Fortschritt, Mobilität und Freiheit versprach. Sie tragen diese Erzählung noch immer in sich: Breitschultrig, aufgerichtet, mit einer fast körperlichen Geschlossenheit treten sie als Figuren auf, sie wirken wie Wächter. In ihnen verdichtet sich eine Vorstellung von Männlichkeit, die eng mit Energie, Kontrolle und Ressourcen verbunden ist: Petromaskulinität⁴ beschreibt ein Gefüge aus Macht, aus Konsum und Beharrung. Die Zapfsäulen wirken im Ausstellungsraum wie Wächter, als hätten sie die Aufgabe, eine Ordnung zu sichern, die sich bereits zu verschieben begonnen hat. Ihre Doppelgesichtigkeit hält die Zeit in einem Zustand des Gleichzeitigen, ein Blick zurück, ein Blick nach vorn, ein Blicken in eine Zukunft, jedoch ohne Bewegung.

Fotografien verschieben diese Strukturen in den Bereich des Alltäglichen: Hände, die aus Autofenstern ragen, Zigaretten zwischen den Fingern. Ein kurzer Moment, ein beiläufiges Bild, und doch liegt in dieser Geste eine ähnliche Logik: der Konsum, die Wiederholung, die Abhängigkeit. Die Kamera befindet sich dabei im selben Dilemma wie das Geschehen. Wir erkennen an einigen Bildrändern Teile des Autos, aus dem die Künstlerin heraus fotografiert. Sie ist Teil der Situation, eingebunden in die Dynamik von Mobilität und Verbrauch. Röing Baer ist in den Bildern nicht erkennbar, aber als Teil eines Systems, das sie zugleich festhält und befragt.

In einem Bildpaar begegnen sich zwei Hände. Sie treten in Beziehung, ohne sich zu berühren, bleiben auf Distanz und sind doch verbunden durch eine gemeinsame Geste. Der Blick wandert zwischen ihnen, sucht nach Halt, findet ihn kurz und verliert ihn wieder. Der Wunsch nach Begegnungen, Berührungen und Verbindung zieht sich ins obere Stockwerk weiter. Ein runder Stehtisch verspricht Zusammenkommen und Austausch, um das zuvor Gesehene einzuordnen. Man findet sich im Innenraum der Tankstelle oder im angrenzenden Imbiss. Fein bedruckte Servietten geben einen Hinweis darauf, wo man sich befinden könnte. Of Human Bondage steht auf ihnen geschrieben: In Somerset Maughams gleichnamigem Roman verfolgt man das Leben von Philip, der jahrelang unter widrigsten Bedingungen und gegen jegliche Vernunft an seiner Liebe zu einer Frau festhält, die ihn kläglich behandelt. Zu sehr erinnert die Geschichte an die fragile Hand, die aus der Maschine Auto ragt und sich an den Glimmstängel klammert, das hoffnungsvolle Festhalten an einer schädlichen Beziehung: Für Zugehörigkeit und Komfort gibt man vieles.

In all diesen Situationen liegt eine enorme Spannung. Was permanent mitschwebt, wenn man die Zapfsäulen und die Zigarettenstummel wahrnimmt, wenn der leichte Geruch von Petroleum in der Nase kitzelt, ist die schwelende Gefahr ihrer explosiven Mischung. Feuer wird bei Röing Baer zur offensichtlichen Bedrohung, aber gleichzeitig auch zu Möglichkeit und Potenzial. Während ein Feuer Zerstörerisches mit sich bringt, kann es zugleich alte Strukturen auflösen. Kann Abhängigkeit, kann dem Ausgeliefertsein mit Wut etwas entgegengesetzt werden? Erstmals in ihrer Praxis zeigt sich in der Ausstellung das Potenzial des Bruchs als explizites Thema. An Stelle der Beobachtung des Status quo tritt ein disruptives Moment eines Aufbäumens, einer Wucht. Was fehlt, ist nur der Augenblick, in dem die Situation sich entzündet: spark.

Lisa Röing Baer fotografiert analog und entwickelt aus ihrem fortlaufenden Bildarchiv multimediale Ausstellungen, in denen Fotografien, Objekte und Texte in neue Zusammenhänge gesetzt werden. Röing Baer studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Christopher Williams und schloss dort 2022 als Meisterschülerin ab. 2025 veröffentlichte sie ihre erste Monografie Der Boden knirscht unter meinen Füßen beim Kerber Verlag. Im selben Jahr zeigte sie die Einzelausstellung Column im EIGEN ART LAB und nahm an der Gruppenausstellung Perspektivwechsel im Stadtmuseum Düsseldorf teil. 2026 stellte sie ihre Monografie in der Kunsthalle Düsseldorf vor.

Zur Ausstellung präsentieren Lisa Röing Baer und der Kunstverein Friedrichshafen die Fotoedition napkin.

Das im Zuge der Ausstellung stattfindende Performanceprogramm ist gefördert im Rahmen des Literatursommers 2026 – eine Veranstaltungsreihe der Baden-Württemberg Stiftung:
www.literatursommer.de

Fußnoten

² Akrasia, altgriechisch ἀκρασία, akrasia, lateinisch incontinentia: Willensschwäche, Unbeherrschtheit, Handeln wider besseres Wissen.

³ Epoche, in der die wissenschaftlich-technische Nutzung fossiler Ressourcen die conditio humana maßgeblich prägt.

⁴ Petromaskulinität beschreibt die Verknüpfung von weißer, hegemonialer Männlichkeit mit einem Festhalten an fossilen Brennstoffen, Klimawandelleugnung und Autoritarismus. Der Begriff petro-masculinity stammt von der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Cara Daggett.